Auf der Akropolis müssen wir suchen!

Zur Benennung des großen Heiligtums über der Stadion-Terrasse und den mutmaßlichen Resten vom Standort des Koloß von Rhodos

von

Ursula Vedder


Text zur detaillierteren Beschreibung des Publikations-Projektes


Der spreizbeinige Wächter über der Hafeneinfahrt von Rhodos ist das heute am weitesten verbreitetete Bild von der Statue des Helios. Es steht jedoch nicht in Einklang mit der antiken Überlieferung zu der mit 70 Ellen (30 - 35 m) größten Bronzestatue der griechischen Welt. Vielmehr geht es auf eine Legende zurück, die offensichtlich am Ende des 14. Jh. im vom Ritterorden des Hlg. Johannes von Jerusalem beherrschten Rhodos (1309 - 1522) aufgekommen ist. Vermutlich verdankt diese ihr Entstehen der gelehrten, aber fehlerhaften Deutung einer antiken Textstelle bei Plutarch (Ad principem ineruditum 779F-780A) durch einen griechischen Gelehrten, der sich in dieser Zeit auf Rhodos aufhielt. Mit den Reiseberichten der christlichen Pilger, die auf dem Weg ins Heilige Land auf Rhodos Station gemacht hatten, gelangte sie in den Westen. Die Renaissance-Zeichner des 16. Jhs. verhalfen ihr schließlich mit kunstvollen Illustrationen zu ewigem Ruhm. Sowohl die Spreizbeinigkeit als auch die Lokalisierung im Hafen sind beides Elemente dieser Legende. Für die Frage nach der antiken Figur kann hieraus nichts gewonnen werden.


Die antike Überlieferung erwähnt dagegen weder den Standort noch macht sie Angaben zum Aussehen der Statue. Dafür ist der historische Kontext, in dem die Statue entstanden ist, genau bekannt, und eine Reihe von Informationen zu ihrer Geschichte ist erhalten. Die Statue des Helios, von den Rhodiern kolossós genannt, war das Weihgeschenk an Helios, den Hauptgott ihrer Polis. Sie wurde aus der Kriegsbeute eines Sieges finanziert, der die Unabhängigkeit der Rhodier von den Großmächten der hellenistischen Welt bewahrte. Im Jahre 305/4 v. Chr. hatte Demetrios Poliorketes mit großem Aufwand, aber ohne Erfolg die Stadt belagert und beim Abzug viel Material zurückgelassen. Aus dieser Kriegsbeute errichtet, war der Helios-Koloß zum einen ein religiöses Zeichen des Dankes an den Stadtpatron. Zum anderen stand er für technisches und wirtschaftliches Können, Selbstbewußtsein und Freiheitswillen der Polis, die 408/7 v. Chr. als Synoikismos der drei alten rhodischen Gemeinden Jalysos, Kamiros und Lindos entstanden war. Dabei folgte die Weihung der kolossalen Helios-Statue der griechischen Tradition, nach einem wichtigen Ereignis der Hauptgottheit der Stadt eine Statue mit dem Bild der Gottheit im Hauptheiligtum aufzustellen. Ein prominenter Vorläufer ist die Statue der Athena Promachos (Mitte 5. Jh. v. Chr.) im Heiligtum der Athena Polias auf der Athener Akropolis. Aus dem historischen Kontext ergibt sich so, daß die kolossale Helios-Statue nur im Helios-Heiligtum von Rhodos gestanden haben kann.


Allerdings war die Lage des Helios-Heiligtums von Rhodos bisher nicht bekannt. Neu ist folgende Lokalisierung: Am Abhang der südlichen Akropolis von Rhodos sind die Reste eines repräsentativ großen Heiligtums mit Tempel ausgegraben, eine Tempelecke rekonstruiert und in einen archäologischen Park einbezogen worden. Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts wird es dem Apollon Pythios zugeschrieben. Diese Zuschreibung basiert auf einer einzigen, kleinen, in einem türkischen Haus sekundär vermauert aufgefundenen Inschrift und ist damit nicht zu halten. Es muß sich um die Kultstätte einer für die Stadt sehr wichtigen Gottheit gehandelt haben. Helios hatte diese Bedeutung in Rhodos Stadt, Apollon Pythios nicht. Auch die Anlage der Terrasse unterhalb vom Heiligtum mit Stadion und Odeion, die schon immer mit dem jährlichen Helios-Fest, den Halieiea, in Verbindung gebracht worden ist, spricht für eine Deutung der Anlage als Helios-Heiligtum.


Mit der Identifizierung des Helios-Heiligtums von Rhodos ist die erste wichtige Voraussetzung für die Suche nach dem Standort des Koloß von Rhodos geklärt. Zwei weitere bestehen darin, sich über das Herstellungsverfahren der Statue und die Dimensionen ihrer Basis im Klaren zu sein. Falls sich archäologische Reste vom Koloß von Rhodos erhalten haben, dann am wahrscheinlichsten von Werkstatt und Basis. Die Figur selbst hat nur etwa 66 Jahre gestanden, ist 227 v. Chr. bei einem starken Erdbeben eingestürzt und nicht wieder aufgerichtet worden. Die Trümmer der Statue müssen die ganze Antike hindurch im Heiligtum gelegen haben. Nach einer byzantinischen Überlieferung sind sie 653 n. Chr. von arabischen Eroberern eingesammelt, verschifft und im Orient verkauft worden. Mit Bronzeresten darf man also nicht mehr rechnen. Die frühe Zerstörung dürfte auch der Grund sein, warum der Koloß von Rhodos später nicht wenigstens auf Münzen dargestellt worden ist.


Aus der schriftlichen Überlieferung geht eindeutig hervor, daß der Koloß von Rhodos aus gegossener Bronze bestand. Die archäologischen Erkenntnisse, gewonnen durch Funde von großen Gießgruben, bestätigen, daß es am Anfang des 3. Jhs. v. Chr., der Entstehungszeit des Koloß, auf Rhodos einen hohen technologischen Standard beim Bronzeguß gab. Der Guß von Figuren in großen Einzelstücken ist bis zu einer Höhe von 15 m sogar erwiesen. Der Rekonstruktion dieser Technik für eine doppelt so große Figur steht aber scheinbar der relativ ausführliche, frühbyzantinische, mit Philon von Byzanz signierte Text "Die Sieben Weltwunder IV" im Wege. Dort wird behauptet, der Koloß von Rhodos sei an seinem endgültigen Stadtort Etage auf Etage unter Anschüttung eines Berges gegossen worden. Dieses Verfahren ist technisch grundsätzlich möglich ist. Vor dem Hintergrund des langwierigen Entstehungsprozesses einer überdimensionale Großbronze und im Vergleich zur Technik nachantiker Figuren wie dem Großen Buddha von Nara (Japan, 743 - 757 n. Chr.) (Überfangguß, eine Technik vergleichbar der bei Philon beschriebenen) und der Bavaria in München (1837 - 1850) (Guß in großen Stücken) wird jedoch deutlich, daß das im Text geschilderte Verfahren fehlerhaft und in sich nicht konsequent ist. Die beste Erklärung für diesen Umstand besteht darin, daß es sich um eine frühe Rekonstruktion des schon in der Antike verlorenen Verfahrens handelt. Die Quelle darf somit nicht ernster genommen werden als die Aussagen der archäologischen Befunde auf Rhodos. Gießgruben, die weiter, aber nicht unbedingt tiefer sein müssen als die größte, in Rhodos gefundene (Gießgrube Mylonas, Tiefe 3,60 m), und ein geräumiges Gelände für die Großwerkstatt sind die so wiedergewonnenen Voraussetzungen auf der Suche nach Resten vom Koloß von Rhodos.


Glaubt man den Resten der beiden einzigen einigermaßen bekannten Basen von vergleichbaren antiken Kolossalstatuen aus gegossener Bronze, dann muß die Basis des Koloß von Rhodos annähernd quadratisch gewesen sein. Die gemauerte Basis der älteren Athena Promachos, einer Gewandfigur unbekannter Höhe, maß 5,58 x 5,465 m. Auf der in den Felsen eingetieften Standfläche fällt im Zentrum ein 0,48 x 0,48 m großes Einlaßloch auf, das man für den zentralen Holzmasten des Modells, der über einem Holzgerüst 1:1 modellierten Vorlage für den Guß, in Anspruch nehmen muß. Die Basis der 100 - 120 Fuß (30 - 35 m) hohen Kolossalstatue des Kaisers Nero (41 - 54 v. Chr.) in der Zweitaufstellung neben dem Colosseum in Rom wiederum war 17,60 x 14,75 m groß. Sie bestand aus opus caementitium und eingebettetem Ziegelmauerwerk, das zur Stabilisierung der Statue hochgemauert war.


Im wieder gewonnenen Helios-Heiligtum befindet sich nordöstlich vom Tempel eine große, auffällige, bisher nicht gedeutete Ruine, bei der es nahe liegt, sie auf den Koloß von Rhodos zu beziehen. Es handelt sich um eine in ihrer heutigen Form 32 x 30 m geräumige und 4 m tiefe Vertiefung an deren Ostseite sich mit 3 Seiten ein rechteckiger, 8 m bis vorne 7,4 m breiter Felskern auf einer Länge von 12,4 m hineinschiebt. Seine Längsseiten umgibt jeweils eine ca. 4,5 m breite, massive Mauerung, die aus der Tiefe hochgemauert den Felskern heute noch gut sichtbar zu einem Podium mit einer Breite von 17 m verbreiterte. Erhaltene Fundamente im Westen des Felskerns deuten an, daß dieses Podium ursprünglich auf eine Gesamtlänge von gut insgesamt 20 m über den Felskern hinaus erweitert war, allerdings nicht durch eine massive Mauerung, sondern durch einen Mauerkranz, drei einzeln stehende Füllmauern in Ostwestrichtung und eine Auffüllung aus Erde. Das für die Architektur verwendete Quadermaterial der Mauerung ist sichtbar in Zweitverwendung verbaut. Zusammen mit den ungeraden Flanken des Felskerns ist dies Hinweis darauf, daß es in dieser bis in byzantinische Zeit genutzten Ruine bereits in der Antike mehrere Nutzungsphasen gab. Die Rekonstruktion eines älteren Podiums, dessen Mauern den Felskern von allen drei Seiten gleichmäßig eingefaßt haben müssen, ergibt eine Podiumsfläche von 17 x 15,6 m. Ein Podium mit diesem Grundriß kommt in den Maßen der Basis des Nerokolosses in Zweitaufstellung erstaunlich nahe. An die Reste der Athena Promachos-Basis erinnert wiederum ein 2 x 3,5 m großes, sehr tiefes Loch auf der Mittellinie in Nordsüdrichtung, südlich vom Mittelpunkt gelegen. Es könnte für den Bau des Modells entstanden sein und später eine Mauerung zur Stabilisierung der übereinander montierten, großen Gußteile der Kolossalstatue des nackten, stehenden Helios gedient haben.


Auch wenn eine detaillierte Untersuchung des Geländes noch aussteht und bisher konkrete Spuren, die auf eine Bronzegießerei hindeuten, nicht erkennbar sind, so erfüllt die Ruine dennoch weitgehend die Voraussetzungen, die sich aus der Überlieferung zum Koloß von Rhodos und den archäologischen Erwägungen ergeben haben. Eine Aufstellung des Helios von Rhodos nordöstlich vom Tempel, nicht all zu weit vom Terrassenrand entfernt und mit dem Gesicht nach Osten gerichtet erscheint im Kontext von Heiligtum, Sportstätte und Stadt sinnvoll. Die Figur wäre danach von der unteren Stadionterrasse, aber auch weithin von der Stadt und von See aus sichtbar gewesen.


© Ursula Vedder




Return to top of page Publikation: "30.01.2009"