Ursula Vedder: Neue Forschungen zum Koloß von Rhodos



Tekmeria.
Archäologische Zeugnisse in ihrer kulturhistorischen und politischen Dimension.
Beiträge für Werner Gauer
N. Kreutzer, B. Schweizer Hrsg.
(Münster 2006)
Seite 361-370



Das kolossale Weihgeschenk aus der Kriegsbeute
und
das Heiligtum des Helios in Rhodos



Zusammenfassung

Aus den antiken Textquellen geht eindeutig hervor, daß es sich bei der 70 Ellen hohen Bronzestatue des Helios von Rhodos um ein Weihgeschenk handelte. Die Bürger der Stadtstaates Rhodos hatten es ihrer 'Staatsgottheit', dem Sonnengott Helios, nach dem siegreichen Ausgang der Belagerung von Rhodos durch Demetrios Poliorketes von 305/4 v. Chr. geweiht. Der Koloß von Rhodos war unter anderem stolzes Zeichen der Unabhängigkeit, die daraus resultierte.

Ein monumentales Weihgeschenk dieser Bedeutung kann nur im Heiligtum des Helios auf dem Gelände der Stadt Rhodos gestanden haben. Bisher kannte man die Lage dieses Heiligtums jedoch nicht. In diesem Aufsatz wird ein völlig neuer Vorschlag zur Lokalisierung gemacht: Das große Heiligtum über der Stadionterrasse auf der Akropolis von Rhodos, das als Heiligtum des Apollon Pythios bekannt und in Reiseführern sowie auf Straßenschildern so bezeichnet ist, wird dem falschen Gott zugeschrieben. Es handelt sich in Wirklichkeit um das Helios-Heiligtum und es gibt ebendort eine Ruine, die möglicherweise aus der Werkstatt des Koloß von Rhodos hervorgegangen ist.

Die These:

Das große Heiligtum mit Tempel oberhalb der Stadion-Terrasse, bekannt als Heiligtum des Apollon Pythios, wird der falschen Gottheit zugeschrieben. In Wirklichkeit handelt es sich um das Heiligtum für Helios, den Hauptgott des Stadtstaates Rhodos.


5 Argumente zur Begründung

1) Eine Überprüfung der Geschichte der Benennung - sie wurde vermutlich von Johannes Hedenborg in der Mitte des 19. Jahrhunderts zum ersten Mal ausgesprochen und ist bisher nie bezweifelt worden - ergibt, daß sie sich auf einen für das Heiligtum unbedeutenden Inschriften-Fu nd stützt und nicht als gesichert gelten kann.

2) Bei dem großen Heiligtum oberhalb der Stadion-Terrasse von Rhodos handelt es sich um eine geräumige Anlage, die den größten Tempel der Stadt beherbergt. Der Tempel ist auch der größte der Insel wie de r Inselgruppe der Dodekanes.  Er muß also für die bedeutendste Gottheit des Stadtstaates errichtet worden sein.

3) Helios nicht Apollon Pythios war für den 408/7 v. Chr. gegründet en Stadtstaat die bedeutendste Gottheit. Dies belegen sowohl die überlieferung in den Schriftquellen als auch die Inschriftenfunde von Rhodos. In Rhodos Stadt  ist die Verehrung des Apollon Pythios dagegen nur selten belegt.

4) Heiligtum und Stadion liegen nicht zufällig auf zwei übereinander folgenden Terrassen. Im Stadion wurden unbestritten die 'Halieia' durchgeführt.  'Halieia' nannten die Rhodier das jährlich veranstaltete große Kultfest zu Ehren des Helios - im Dialek t der Insel 'Halios' genannt -, dessen Spiele alle vier Jahre für Sportler aus ganz Griechenland ausgeschrieben wurden. Es war in Griechenland allgemein üblich, daß sich die Sportanlagen der Heiligtumsfeste in unmittelbarer Nähe zum heiligen Bezirk befanden. Prominente Vergleichsbeispiele sind Olympia und Isthmia. Neuere Funde in Rhodos zeigen sogar, daß im 4. und 3. Jahrhundert v. Chr.  Stadion wie  Tempel von Osten nach Westen verliefen, und sich beide auf eine gemeinsame Achse bezogen.

5) Nordöstlich des großen Tempels exisitiert eine bisher nicht schlüssig gedeutete Ruine, die aus einer großen Vertiefung mit hineinragendem Felskern und Architekturresten besteht. W. Hoepfner hat sie 2003 (Der Koloß von Rhodos und die Bauten des Helios. Neue Forschungen zu einem der Sieben Weltwunder, Mainz  2003, 34-41) als Reste einer hohen Statuenbasis für eine Helios-Quadriga gedeutet, wohingegen er den Koloß von Rhodos im Hafen lokalisiert.

Die Autorin geht jedoch davon aus, daß der Koloß von Rhodos im Helios-Heiligtum gestanden hat und die Statue ist in großen Einzelstü cken gegossen wurde, dem Verfahren, das in Rhodos archäologisch nachgewies en ist. Sie versucht, Hinweise darauf zu finden, daß die große Vertiefung im nordöstlichen Teil des Heiligtums, der Felskern und die Architekturreste aus der Guß-Werkstatt des Kolosses hervorgegangen sind, und der Standort ebenda zu suchen ist.


© Ursula Vedder



Return to top of page Aktualisierung: "30.01.2009"